Sie hatten alle im Griff. Keiner, der nicht wusste, wie man sich zu verhalten hatte. Klare Gesetze, strikte Verbote und eindeutige Vorschriften regelten das Leben der Juden. Die theologische Instanz hatte alle im Griff, im eisernen Griff. Sie legte das Wort Gottes erbarmungslos und unmenschlich aus.
Doch dann kam einer und machte alles anders. Stellte den Menschen in den Mittelpunkt. Machte ihre Deutung zunichte und beanspruchte das Urheberrecht des Wortes Gottes. Sie griffen ihn öffentlich an. Stellten ihn zur Rede: Warum? Warum halten sich deine Jünger nicht an die heilige Sabbat-Ruhe? Weil sie hungrig sind! Jesus verteidigt das elementare Bedürfnis seiner Freunde. Doch die Pharisäer begriffen nicht. Hunger ist kein Grund, dass man sich am Heiligen vergriff! Selbst David tat aber genau das! Die ultra-heiligen Brote aus der Stiftshütte füllten die leeren Mägen seiner Gefolgschaft. Dass Jesus ausgerechnet diese alte Geschichte aufgriff, war nun ein direkter Angriff auf die Pharisäer, denn damals hatte der Hohepriester selbst die Erlaubnis erteilt. Er war nicht so begriffsstutzig, für ihn zählte körperliche Not mehr als rituelle Einhaltung von Geboten. Genau in dieser Tradition bringt Jesus es auf die griffige Formel: Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat. Will sagen, Jesus bestimmt, was geht! Und er hat immer den Menschen im Blick. Der Sabbat ist um des Menschen willen geschaffen und nicht der Mensch um des Sabbats willen.
Die Pharisäer hielten das für den schwersten Fehlgriff aller Zeiten und besiegelten sein Todesurteil. Nun führte aber genau das zum größten Eingriff Gottes in die Menschheitsgeschichte. Er erweckte Jesus von den Toten, und zwar nicht an einem Sabbat. Am ersten Tag der jüdischen Woche, unserem Sonntag, ist Jesus auferstanden, ist der Stein ins Rollen gekommen, sind die Jünger nach Emmaus und wieder zurückgelaufen, ist alles in Bewegung geraten. Eine heilige Sonntags-Unruhe! Um der Menschen willen! Das sollte auch uns keine Ruhe lassen: Nehmen wir in Angriff, was uns im Griff hat.
