Üblich war das nicht! Das Gebet war eine hervorragende Übung, um seine Frömmigkeit so richtig zur Schau zu stellen: Die vorgeschriebenen Gebetszeiten verlagerte man gern in die Öffentlichkeit, und je blumiger die Worte waren, umso besser! Jesus lehrt es anders: Wenn du betest, dann geh in deine Kammer. Mach die Tür zu und sprich mit Gott im Verborgenen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Gebet ist nicht Mittel zum Zweck, sondern soll in enger Vertrautheit mit Gott Ausdruck deiner Beziehung zu ihm sein.
Ein Muster für ein Gebet kann das Vater Unser sein. Jesus gab es seinen Jüngern als Beispiel für ein präzises und allumfassendes Gebet, bevor er ihnen durch den heiligen Geist nach Pfingsten die Möglichkeit gab, ganz und gar frei als ein einziges „wandelndes Gebet“ zu leben. Paulus drückt dieses Gebets-Leben im Brief an die Epheser so aus: Betet zu jeder Zeit in der Kraft des heiligen Geistes (Eph 6,18). Keinesfalls sollen wir jedenfalls die bekannten Worte des Vater Unsers im sonntäglichen Takt der mehr oder weniger müden Christenheit gedankenlos herunterleiern. Möge der heilige Geist in uns rebellieren, wenn wir das, was Jesus für das stille Kämmerlein gedacht hatte, zur mechanischen Pflichtübung im öffentlichen Gottesdienst verkommen lassen. Und möge uns der heilige Geist erkennen lassen, welches unfassbare Vorrecht wir als Kinder Gottes haben, unseren Herrn Jesus jederzeit und überall mit all unseren – auch stümperhaften oder nur gedachten – Worten anzusprechen. Er hört uns gewiss und weiß, was wir brauchen!
